11
Mai

Brandfallsteuerung von Türen und Toren im Arbeitsschutz

Türen und Tore in Gebäuden

Türen und Tore sind wichtige und multifunktionale Teile moderner Gebäude. In der Regel werden vielfältige Anforderungen an Türen und Tore gestellt. Zu diesen unterschiedlichen Anforderungen können z. B. folgende gehören:

  • Raumabschluss
  • Schallschutz
  • Wärmeschutz
  • Brandschutz
  • Evakuierung
  • Objektschutz
  • Arbeitsschutz

Aus der exemplarischen Aufführung lässt sich erkennen, dass für ein und dieselbe Tür bzw. Tor gleichzeitig mehrere Normen, Vorschriften oder generell Anforderungen aus den unterschiedlichsten Regelwerken gelten. Für Arbeitsstätten hat die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung DGUV im Januar 2015 eine Information „DGUV Information 208-022 Türen und Tore“ herausgegeben, die hinsichtlich Brandfallsteuerung von Türen und Toren interessante Hinweise gibt. Diese sollen nachfolgend dargestellt und kommentiert werden. Weitere allgemeine Hinweise aus dem Arbeitsschutz zum Thema Türen und Tore finden sich hier.

Türen und Tore spielen nicht nur im Brandschutz eine bedeutsame Rolle. Z. B. auch aus dem Arbeitsschutz haben viele Organisationen ein berechtigtes Interesse an deren Mitgestaltung und Reglementierung. Zum Schutz von Arbeitnehmern formuliert die DGUV in der vorgenannten Broschüre u. a. Anforderungen an:

  • Planung und Auswahl
  • Sicherung gegen mechanische Gefährdungen
  • Sicherung der Flügelbewegungen
  • Sicherheit der Steuerung (Brandfallsteuerung)
  • Anforderung an Türen und Toren im Verlauf von Fluchtwegen
  • Instandhaltung einschließlich sicherheitstechnischer Prüfung

Sicherheit der Steuerung: Brandfallsteuerung durch die Hintertür des Arbeitsschutzes?

Die Steuerung wird im DGUV-Dokument wie folgt definiert:

Die Steuerung ist der Bestandteil der Antriebseinheit, der von außen kommende Steuerbefehle annimmt, diese verarbeitet
und Ausgangssignale zum Betrieb des Antriebes erzeugt:
– Steuerung mit Selbsthaltung (Impulssteuerung) ist eine Steuereinrichtung, die nur eine einmalige Betätigung zum Auslösen der vollständigen Flügelbewegung erfordert. Steuerimpulse werden z. B. durch Drucktaster, Kontaktschwellen, Lichtschranken, Radareinrichtungen, Zugschalter oder durch im Fußboden verlegte Induktionsschleifen ausgelöst oder gehen von einem elektrischen Sender, einer Licht- oder Schallquelle aus.
– Steuerung ohne Selbsthaltung (Totmannsteuerung) ist eine Steuereinrichtung, die eine kontinuierliche Betätigung für die Flügelbewegung erfordert.

Zu der Steuerung mit Selbsthaltung (Impulssteuerung) wird unter Punkt 8.2 ausgeführt:

(1) Impulsgesteuerte Flügelbewegungen dürfen nur durch die hierfür vorgesehenen Befehlseinrichtungen ausgelöst werden.

Durch Erzeugen und Übertragen eines Impulses an die Tor-/Türsteuerung beginnt diese zu öffnen, zu schließen oder zu öffnen und nach Ablauf einer Offenhaltezeit selbsttätig zu schließen oder bei Dauerimpulsgabe solange geöffnet zu bleiben, wie der Dauerimpuls anliegt (z. B. Öffnen über Zentrale Leittechnik (ZLT) oder Brandmeldeanlage (BMA)).

Egal bei welchen Systemzuständen, also auch im Brandfall, sind die impulsgesteuerten Türen und Tore:

so zu betreiben, dass Beschäftigte z. B. gegen Quetschgefährdungen geschützt sind. Dazu müssen die entsprechenden Schutzeinrichtungen so beschaffen sein, dass beim Auftreten eines Fehlers in der Einrichtung, der einen Befehl zur Unterbrechung der gefährdenden Flügelbewegung verhindern würde,
– die Schutzwirkung der Einrichtung erhalten bleibt (Einfehlersicherheit) oder
– der Fehler spätestens in einer der Endlagen des Flügels selbsttätig erkannt wird und ein Befehl zum Verhindern einer weiteren gefährdenden Flügelbewegung erfolgt (Testung).

Dabei gilt die Einfehlersicherheit:

Die Schutzeinrichtung muss in Verbindung mit der Steuerung des Tores/der Tür so beschaffen sein, dass das Auftreten eines Fehlers (z. B. Kurzschluss, Leitungsunterbrechung, defekter Sensor/Lichtschranke, defekte Schaltleiste/Schaltmatte usw.) nicht zum Verlust der Schutzfunktion führt.
Dies kann beispielsweise durch doppelt vorhandene Schutzeinrichtungen oder Umschaltung auf sichere Betriebsarten (z. B. Totmannsteuerung, Niedrigenergie-Antrieb) erreicht werden. Der Fehler muss erkannt und angezeigt werden.

Dies ist insbesondere für die Brandfallsteuerung von Türen und Toren von hoher Bedeutung. Auch bei definierten Fehlerzuständen müssen die Türen und Tore sich im Hinblick auf die Schutzziele sicher verhalten.

Weiter wird für die sogenannte Testung ausgeführt:

Ein Fehler muss durch selbsttätiges, zyklisches Abfragen des sicheren Zustandes der Sicherheitseinrichtung/Schutzfunktion erkannt werden. Nach Erkennen des Fehlers muss die Tür / das Tor unmittelbar in den sicheren Zustand wechseln (z. B. in eine der Endlagen). Eine weitere gefährdende Fahrt ist nicht zugelassen. Der Weiterbetrieb in Totmannsteuerung ist jedoch möglich,…

Hier wird also gefordert, dass eine der Endlagen der Tür (offen bzw. geschlossen) sicher erreicht wird und dieser Zustand beibehalten wird. Welche der beiden möglichen Endlagen zu welcher Zeit (Dynamik) eingenommen werden soll, kann jedoch nur bei der Planung von Brandfallsteuerung(en) festgelegt werden. Nicht selten kommen inzwischen u. a. szenarioabhängige Brandfallsteuerung(en) vor, bei denen je nach Brandort und Szenario ein und dieselbe Tür bzw. Tor in der Endlage entweder geöffnet oder aber geschlossen wird. Dies ist z. B. dann erforderlich wenn für komplexe Entrauchngskonzepte die Türen als Nachströmflächen geöffnet oder aber zum Zwecke des Rauchschutzes bzw. des Raumabschlusses geschlossen werden müssen. Dies bedeutet, dass ohne eine adäquate Brandschutz- und Brandfallsteuerungsplanung die Anforderungen an den Brand- und den Arbeitsschutz nicht ohne Weiteres erfüllt werden können. Auch die Anforderungen an die Sicherheit, die Zuverlässigkeit sowie weitergedacht auch die Gewährleistung der Betriebsbereitschaft von Brandfallsteuerungen lassen sich hiernach aus dem DGUV-Dokument ableiten. Hierfür sind differenzierte und szenarioabhängige Betrachtungen erforderlich, bei denen die Hardware (Türen und Tore) aber auch die zugehörige Software (z. B. im Brandfall die Brandfallsteuerung) vollumfassend geplant, ausgeführt/errichtet und getestet werden müssen.

Zu den Abschalt- und NOT-HALT-Einrichtungen im Brandfall wird unter Punkt 8.3 ausgeführt:

… Abweichend von Satz 1 (gefährdende Flügelbewegungen nach Abschalten des Antriebes oder bei Ausfall der Energieversorgung) dürfen Flügel von kraftbetätigten Türen und Toren, die einen Brandabschluss bilden, nur verwendet werden, wenn sie bei Ausfall der Energieversorgung ohne Gefährdung von Beschäftigten selbsttätig schließen.

Dies bedeutet, dass die Anforderungen aus dem Arbeitsschutz auch bei solchen Ereignissen, wie dem Brandfall weiterhin gelten und zu erfüllen sind.

Zu der Bedeutung und dem Vorrang von Brandfallsteuerung(en) bzw. dem Brandschutz wird ausgeführt:

Bei Feuerschutzabschlüssen hat im Brandfall das Schließen Vorrang und darf nicht dauerhaft unterbrochen werden. Wird der Schließvorgang (zum Personenschutz (hier nicht aufgrund des Brandes)) unterbrochen, muss er nach Freiwerden der Sicherheitseinrichtung automatisch fortgesetzt werden….

Dieses letzte Zitat aus dem DGUV-Dokument verdeutlicht, dass die Anforderungen an sicherheitsrelevante Steuerungen sehr komplex sein können. Entsprechend müssen diese geplant und bei der Inbetriebnahme etwa im Rahmen von Vollprobetest(s) bzw. Integralen Tests oder Wirkprinzipprüfungen u. a. auch im Hinblick auf den Brandfall überprüft werden.

Fazit

Zunehmend mehr Gremien begreifen die Bedeutung von Brandfallsteuerung und schreiben dies in den Regelwerken nieder. Das DGUV-Dokument gibt sinnvolle und wichtige Hinweise zu Steuerungen und Brandfallsteuerung(en) von Türen und Toren. Ich bin sehr gespannt auf die Umsetzung der z. T. diffizilen Anforderungen in der Praxis.

Herzliche Grüße
Dr. Eugen Nachtigall